´KASUGA (BERG) ALS VERBORGENES LAND`, eine Reflexion von Sabine Elsa-Müller, Kunsthistorikerin

Ein Bild ist stets eine sehr persönliche Interpretation der Welt. Die subjektiven Anteile der malenden Person machen genau den Unterschied. Derselbe Apfel, zweimal gemalt – und sei es von derselben Person – sieht niemals gleich aus. In der abstrakten Malerei richtet sich die Aufmerksamkeit vom Gegenstand weg, um sich völlig diesen subjektiven und universellen Aspekten des Bildes zu widmen. Die Abstraktion ist Ausdruck eines ganzheitlichen Denkens, das sich gerade auch mit dem Unsichtbaren stark auseinandersetzt. Alle Pioniere der abstrakten Kunst wie Hilma af Klint, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian verbindet ein großes Interesse an der Spiritualität. Der Fokus verschiebt sich vom Gegenstand auf „Das Geistige in der Kunst“, wie es Kandinsky in seiner berühmten Schrift bereits im Titel auf den Punkt bringt.

Auch Claudia Larissa Artz begibt sich auf Spurensuche in diese innere geistige Welt. Die Intention ihrer Bilder speist sich aus dem Bedürfnis, etwas Grundsätzliches, Wesentliches und damit vielleicht auch Allgemeingültiges an die Oberfläche zu holen. Diese Art der Malerei fordert den Dialog zwischen Bild und dem Gegenüber ein – und zwar sowohl von der Malerin während der Entstehung des Bildes als auch nach seiner Fertigstellung von Seiten derer, die es betrachten. Wahrnehmung und Einfühlung öffnen den Zugang zu diesen Bildern. Es erfordert Zeit, um ihre feinstofflichen Oberflächenqualitäten kennen- und schätzen zu lernen. Die relative Zurückhaltung in der Wahl der Mittel, die sanften, oft dunklen Farbtöne, der Verzicht auf alles Laute, die Zartheit der Linien könnten als Rückzug und Distanzierungsversuch missverstanden werden. Tatsächlich entspringt diese Vorgehensweise dem Wunsch, das Bild offen zu halten, um dem Gegenüber möglichst viel Raum für die eigenen Empfindungen zu lassen. Jede Nuance, die Griffigkeit der Leinwand, stehengelassen Leerstellen im Gefüge der Pinselspuren, die Ambivalenz eines brüchigen Rasters zwischen Begrenzung und Übergang dienen der Sensibilisierung des gesamten zur Verfügung stehenden Sensoriums.

Die Bilder wachsen langsam aus einer inneren Vorstellung heraus, bei der die Entscheidungen für den nächsten Schritt hauptsächlich intuitiv erfolgen. Ihre Entstehung gleicht einem Entwicklungsprozess, dessen Ergebnis nicht im Voraus planbar, aber doch in die eine oder andere Richtung steuerbar ist. Die elaborierte Vorgehensweise legt das Arbeiten in Werkgruppen nahe, so dass sich im Vergleich der Unterschiede ein besseres Verständnis für die Bedeutung der feinen Nuancen herausbildet. Bei den Kasuga-Bildern handelt es sich um drei von insgesamt vier großformatigen Arbeiten, die im Coronajahr 2021 entstanden sind. Die besondere Atmosphäre dieser Zeit lässt sich in den Bildern erspüren. Sie stimmen den Raum in einem tiefen Grundton ein. Über das gemeinsame Bildmaß von 200 x 170 cm hinaus verbindet sie vor allem die Farbauswahl, denn bei allen Arbeiten der Kasuga-Gruppe kamen Indigo, Kupferblau, Rebschwarz und Violett zum Einsatz. Man kann hier sehr schön nachvollziehen, wie durch die Art des Farbauftrags, der unterschiedlichen Sättigung des Pinsels mit Farbe, der Pinselführung etc. sehr verschiedene malerische Wirkungen entstehen. So spielt zwar der warme Braunton der farblos grundierten Leinwand bei allen drei Werken in den Gesamteindruck hinein, aber nur bei Kasuga III ist die Bildfläche so offenporig, dass sich die Farbe wie ein Hauch darauf niedergelassen zu haben und fast zu schweben scheint. Demgegenüber tritt bei Kasuga I der illusionistische Tiefenraum stärker hervor, während bei Kasuaga IV wiederum die Bewegung eher in der Horizontalen verläuft. All diese Eindrücke verändern sich je nach Betrachterstandort und Lichtwechsel, so dass die Malerei immer wieder anders erlebt wird. Erst beim Nähertreten machen sich die feinen Linien bemerkbar, die auf unterschiedliche Weise die Bildfläche akzentuieren und ihrer formlosen wolkigen Unbestimmtheit entgegenarbeiten. Diese Linien stehen weniger in, sondern auf der Fläche als sehr konkrete Markierung der Grenze zwischen dem Bildraum und dem Raum der Betrachterinnen und Betrachter. Man könnte auch sagen, zwischen der jenseitigen und der diesseitigen Welt. Sie haben etwas von Pforten an sich und können auch als Einladung zur Überschreitung dieser Grenze aufgefasst werden. Oder als Versinnbildlichung des Waldes von Kasuga, dem Übergang von der weltlichen zur göttlichen Sphäre.

Trotz ihrer langjährigen Beschäftigung mit japanischer Malerei und Kultur versteht Claudia Larissa Artz die Verwendung von japanischen Begriffen in ihren Bildtiteln nur als offenes Assoziationsangebot und keinesfalls als kulturellen Vereinnahmungsversuch. Dennoch ist es hoch interessant, wie viele Parallelen sich hier auftun. Der Leiter des Tenri, Dr. phil. Yoshiro Shimizu hat diesen verblüffenden Koinzidenzen einen kleinen Aufsatz gewidmet, aus dem sich der Ausstellungstitel „Kasuga (Berg) als verborgenes Land“ gebildet hat. Kasuga ist hier sowohl der Wohnort der Götter, also ein heiliger Ort, als auch ein geistiger Raum oder eine Seelenlandschaft. „Hier verschmelzen Menschliches und Nicht-Menschliches zu einer Einheit – ein Ausdruck der ursprünglichen Verbindung zwischen Mensch und Natur“.

Diese Verbindung zur Natur spielt für die Künstlerin eine wichtige Rolle. Wind, Wasser, die Weite des Himmels sind für sie tägliche Quellen der Inspiration und Verbindung mit einer höheren Ordnung. Ihre Bildräume erscheinen nicht von ungefähr wie ein Widerhall der atmosphärischen Erscheinungen im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Auch bei den Werkgruppen mit kleinen Bildformaten spiegelt sich der ephemere Charakter des Seins in der lichten Offenheit und Durchlässigkeit ihrer Oberflächen. Wie beispielsweise in der Gruppe „Hell ohne Licht“, in der ein kaum wahrnehmbarer silberner Kreis die Suche nach der eigenen Positionierung andeutet. Die einzelnen Tafeln der Gruppe „Offene Welt“ können so aneinandergereiht werden, dass das feine Raster eine zusammenhängende Struktur ergibt, oder auch ganz neu kombiniert werden. Im Rhythmus von Werden und Vergehen gibt es keinen Stillstand, alles ist in ständiger Bewegung und Veränderung, und dennoch vollzieht sich dieser osmotische Austausch dank eines fragilen Netzwerks aus geometrischen Strukturen und Verbindungslinien. Dabei lässt Claudia Larissa Artz auch dem Zufall Raum, so wenn sie ihre subtilen Farbtupfer nicht direkt mit dem Pinsel auf die Fläche setzt, sondern mittels eines dazwischen gelegten Seidenpapiers die Farbe von ihr selbst nicht kontrollierbar durchschlägt wie in der Gruppe „Wandern im Faden“. Die zeichenhaften Farbspuren wirken wie aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstanden, wie „natürliche“ Formen.

Zwei Arbeiten fallen durch die Art der zentriert-isolierten Positionierung einer achsensymmetrischen Figur auf dunklem Grund aus dem bisher Gesagten heraus. Es sind dies die beiden jüngsten Werke aus der Kesa-Gruppe, die bereits seit 2014 kontinuierlich in loser Folge fortgesetzt wird. In diesen zehn Jahren hat sich die Künstlerin anhand dieser Gruppe auf einem festgelegten, kleinen Format einer Selbstbefragung zum Thema des Körpers im Raum unterzogen. „Kesa“ ist die japanische Bezeichnung für bestimmte buddhistische Gewänder und steht in dieser Bildreihe für die Körperhülle. Es geht hier um einen begrenzten, immer gleichen Raum und den veränderten Umgang damit. Die weit in die Fläche auskragenden Dreiecksformen suggerieren eine Rotationsbewegung und erinnern an einen von oben gesehenen tanzenden Derwisch. Ganz bei sich und doch energetisch aus sich selbst heraustretend vollzieht sich die Symbiose der Figur mit dem Raum.

Sabine Elsa Müller

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